"Das erinnert mich an meinen Onkel!" - Die Fleißer
auf Tuchfühlung mit Kotterhof-Publikum
Fleißer-Neffe Klaus Gültig
las in Böhmfeld aus dem Roman "Eine Zierde für den Verein"
Böhmfeld (sdr) "War Marieluise Fleißer je in Böhmfeld?" Das Motto
der Lesung im Kotterhof in Böhmfeld mit dem Neffen der Fleißer,
Klaus Gültig, der das literarische Erbe seiner Tante in besonderer
Weise pflegt, machte nicht nur Ortsansässige neugierig. Von der
zahlreich erschienenen Zuhörerschaft angetan zeigte sich auch
Bürgermeister Alfred Ostermeier, der Marieluise Fleißer als "die
bedeutendste Schriftstellerin im Raum Ingolstadt mit großer
überregionaler Bedeutung" bezeichnete. Die Frühzeit der
Schriftstellerin, ihr Aufenthalt in Berlin und ihre Rückkehr nach
Ingolstadt spiegelten sich in den Werken der Ingolstädter Malerin
und Objektkünstlerin Gerda Biernath wider, machte Ostermeier
eingangs auf Biernaths Zyklus "Fleißer - eine Dokumentation"
aufmerksam. Die Lesung fand im Rahmen der Ausstellung "Bilder -
Objekte - Fundstücke" der Ingolstädter Künstlerin im Kotterhof
statt. "Ich glaube schon, dass meine Tante in Böhmfeld war", mutmaßte Klaus
Gültig. Eine Postkarte vom 6. April 1945 von ihr an ihre Schwester,
in der sie berichte, dass sie den Weg von Kipfenberg aus über Etting
nach Ingolstadt zu Fuß zurückgelegt habe, untermauere diese Ansicht.
Zudem habe sie ihren 1958 verstorbenen Ehemann, einen
Tabakwarenhändler, der nebenbei noch ein sehr erfolgreicher
Schwimmsportler gewesen sei, in geschäftlichen Angelegenheiten nach
Kräften unterstützt, was für sie auch bedeutet habe, in den
umliegenden Ortschaften beim Auffüllen der Zigarettenautomaten zu
helfen und mit ihm "mit der Kundschaft zu trinken". Bewunderung und Respekt zollte Gültig seiner berühmten Tante in der
Zusammenfassung ihrer Biografie: Im Jahre 1901 geboren, sei sie
eines der wenigen Mädchen ihrer Zeit gewesen, denen Abitur und
Studium offen standen; zunächst als Klosterschülerin in Regensburg,
später als Studentin in München, wo sie zwar interessante Leute wie
Feuchtwanger und Brecht kennen lernte, aber auch infolge der
Weltwirtschaftskrise Hunger leiden musste. Fleißers erster
bahnbrechender literarischer Erfolg, so der Neffe, sie das
Theaterstück "Pioniere in Ingolstadt" gewesen. Als junge
Dramatikerin habe sie in den späten zwanziger Jahren in Berlin unter
dem Einfluss von Brecht für Aufsehen gesorgt, Erzählungen und dann
einen Roman geschrieben. Die schwere Zeit der Naziherrschaft und
private Probleme ließen Fleißers schriftstellerische Schaffenskraft
erlahmen. Nach ihrer Rückkehr nach Ingolstadt im Jahre 1932
heiratete sie, was ihrem dichterischen Elan wiederum nicht
förderlich war. "Sie nahm ihre hausfraulichen Pflichten so ernst,
dass sie allein über das Wäschewaschen eine ganze Seite geschrieben
hat", gab Gültig zu verstehen. Erst nach dem Tode ihres Gatten habe
sie in den sechziger Jahren wieder eine kreative Schaffensphase
erlebt und Erfolg geerntet. Junge Autoren des neuen Realismus
beriefen sich nun auf sie und förderten ihr Werk. "Wenn Bücher da sind, gibt es einem Halt", fühlte sich Marieluise
Fleißer bestärkt, als 1971 ihre "Gesammelten Werke" herausgegeben
wurden. Am 2. Februar 1974 starb die Schriftstellerin, die heute zu
den großen Frauengestalten der deutschen Literaturgeschichte im 20.
Jahrhundert zählt, ganz unerwartet im Krankenhaus in Ingolstadt. Der
nach ihr benannte Literaturpreis, 1981 von der Stadt Ingolstadt
gestiftet, hat inzwischen Renommee. Die "Marieluise-Fleißer-Gesellschaft
e. V." wurde am 23. November 1996 in Ingolstadt gegründet. Namhafte
Persönlichkeiten und auch die Stadt Ingolstadt traten ihr bei.
Willkommen seien stets neue Mitglieder, die das Anliegen
unterstützen, dass die bedeutende Dichterin mit ihrem spezifisch
bayerischen Beitrag zur Weltliteratur über die modischen Trends des
Kulturbetriebs hinweg den ihr gebührenden Platz im Theater, auf dem
Buchmarkt, in der Forschung und in den Schulen behält, betonte der
Fleißer-Neffe. Die wichtigsten Werke der Fleißer sind die Theaterstücke "Fegefeuer
in Ingolstadt", "Pioniere in Ingolstadt" und "Der starke Stamm", die
Erzählungen "Ein Pfund Orangen", "Andorranische Abenteuer",
"Avantgarde" und "Abenteuer aus dem Englischen Garten" sowie der
Roman "Eine Zierde für den Verein (Mehlreisende Frieda Geier)". Eindrucksvolle Kostenproben der ebenso handfesten und waschechten
wie anschaulichen sowie ungemein facettenreichen und dabei
einfühlsamen Sprache, mit der die Schriftstellerin die
Schlüsselfiguren Frieda Geier und "Schwimm-Gustl" in den Mittelpunkt
rückte und selbst zu Wort kommen ließ, bot Klaus Gültig seinem
Publikum mit Passagen aus dem Roman "Eine Zierde für den Verein
(Mehlreisende Frieda Geier)". Angesichts des meisterlichen Umgangs
der Dichterin auch mit launiger bis deftiger Bildhaftigkeit, blieb
es nicht lange beim fast andächtigen Lauschen. Die erfrischend
freche Handlungs- und Ausdrucksweise mit typisch bayerischer Würze
reizte die Zuhörerschaft zum Schmunzeln und verhaltenen Lachen. Wie
punktgenau Marieluise Fleißer den Nagel auf den Kopf zu treffen
vermag, zeigte der spontane Beitrag eines Besuchers: "Das erinnert
mich an meinen Onkel. Nur kann sich der nicht so gut ausdrücken." Die Kunstausstellung "Bilder - Objekte - Fundstücke" von Gerda
Biernath im Kotterhof ist noch geöffnet bis einschließlich Sonntag,
19. Oktober; samstags und sonntags jeweils von 14 bis 17 Uhr. |
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